Spaniens Fußballfrauen boykottieren Länderspiel: Streit eskaliert

Der Kuss-Skandal hat den spanischen Frauenfußball endgültig ins Chaos gestürzt. Nun gibt es zwar eine neue Trainerin, aber die Spielerinnen stellen sich quer. Spaniens Frauenfußball droht nach Wochen der Aufregung und Proteste um den Kuss-Skandal nun endgültig im Chaos zu versinken. Die Nationalspielerinnen, angeführt von Weltfußballerin Alexia Putellas, kündigten am späten Montagabend überraschend an, ihren Länderspiel-Streik fortzusetzen – obwohl die neue Nationaltrainerin Montse Tomé zuvor versichert hatte, dass alle nominierten Spielerinnen die Teilnahme an den bevorstehenden Spielen der Uefa Nations League gegen Schweden und die Schweiz akzeptiert hätten.Damit ist die Auseinandersetzung zwischen Spaniens Fußballerinnen und dem von Männern dominierten Verband um eine überraschende Wendung reicher. Der Auslöser für den Konflikt war der umstrittene Kuss von Ex-Verbandsboss Luis Rubiales nach dem Final-Triumph der Spanierinnen über England im australischen Sydney. Der Funktionär hatte die Spielerin Jennifer Hermoso während der Siegerehrung gegen deren Willen auf den Mund geküsst.Dieser Vorfall löste weltweit Empörung aus, führte zur 90-tägigen Suspendierung von Rubiales durch die Fifa und zur Einleitung einer Untersuchung. Der mächtige Verbandsboss hatte den sexuellen Übergriff stets bestritten und behauptet, der Kuss sei in beiderseitigem Einvernehmen geschehen. Schließlich trat Rubiales nach heftigen Protesten unter anderen von Frauenorganisationen in Spanien, aber auch aus dem internationalen Sport von seinem Amt als RFEF-Chef zurück. Doch offenbar reicht dies den Spielerinnen nicht aus. Insgesamt 21 Mitglieder des Weltmeisterkaders und 18 weitere Topspielerinnen fordern nicht nur die Absetzung von RFEF-Interimschef Pedro Rocha und anderer Funktionäre mit Verbindungen zu Rubiales – sie kündigten auch einen Länderspiel-Streik an, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Dies hatten sie dem Verband am vergangenen Donnerstag telefonisch mitgeteilt, kurz bevor dieser die neue Nationaltrainerin Tomé vorstellte. Man wolle Hermoso "beschützen"Am Wochenende sah es zunächst so aus, als würde der drohende Länderspiel-Boykott beigelegt sein. Doch in einer Erklärung, die Aitana Bonmatí, die zur besten Spielerin der WM gekürt wurde, am Montagabend auf X (ehemals Twitter) veröffentlichte, hieß es: "(...) unser fester Wille, aus berechtigten Gründen nicht nominiert zu werden (...), bleibt in vollem Umfang gültig."Ein Grund war auch die jüngste Nicht-Nominierung der Spielerin Hermoso. Diese war von der neuen Nationaltrainerin Tomé für die kommenden Länderspiele in der Nations League nicht berufen worden. "Wir stehen zu Jenni, aber wir glauben, dass das der beste Weg ist, sie zu schützen", hatte Tomé ihre Entscheidung begründet. Die Trainerin hatte nach der WM den umstrittenen Coach Jorge Vilda abgelöst.Hermoso reagierte bei X auf die Nicht-Nominierung: "Mich vor was schützen? Und vor wem?", schrieb die die 33-Jährige als Reaktion auf die Begründung Tomés. Auch warf sie dem Verband "Spaltung" und "Manipulation", "um uns einzuschüchtern und uns mit rechtlichen Konsequenzen und wirtschaftlichen Sanktionen zu drohen". Es sind schwere Vorwürfe und ein weiterer Beleg, dafür, dass sich Spaniens Fußball derzeit in Aufruhr befindet.Weltstar Putellas: "Glauben, dass es an der Zeit ist, zu kämpfen"In einer Begründung für den Streik hatte Weltstar Alexia Putellas bei X geschrieben, dass Spaniens Fußballerinnen in der gegenwärtigen Situation nicht die richtige Umgebung hätten, um Fußball zu spielen. Sie würden alle mit Stolz für ihr Land auflaufen, fühlten sich im Umfeld des spanischen Verbands aber nicht sicher, hieß es."Deshalb glauben wir, dass es an der Zeit ist, zu kämpfen, um zu zeigen, dass diese Situationen und Praktiken keinen Platz in unserem Fußball oder in unserer Gesellschaft haben, dass die derzeitige Struktur geändert werden muss und wir dies tun, damit die nächsten Generationen einen viel gleichberechtigteren Fußball haben können und einen auf dem Niveau, das wir alle verdienen."Verband drohte mit Geldstrafen und mehrjährigen SperrenBerichten zufolge bot der Verband den streikenden Spielerinnen am Sonntag personelle Änderungen in der Organisation an, stellte jedoch gleichzeitig ein Ultimatum, das in der Nacht von Sonntag auf Montag um Mitternacht ablief. Der RFEF drohte mit Geldstrafen und mehrjährigen Sperren für Spielerinnen, die sich weigern sollten, für die Nationalmannschaft anzutreten. Eine offizielle Bestätigung dieser Drohungen gab es vorerst nicht.Allerdings reagierte die Regierung auf die Streikandrohung der Fußballerinnen. "Wenn die Spielerinnen nicht antreten, muss die Regierung, so leid es mir tut, handeln und dem Gesetz Geltung verschaffen», sagte Víctor Francos dem Radiosender "El Larguero" am späten Montagabend. Francos ist der Präsident der obersten spanischen Sportbehörde CSD, er kündigte Gespräche und einen Schlichtungsversuch an.Sollten sich die Spielerinnen jedoch weigern, am Freitag in Schweden und am kommenden Dienstag gegen die Schweiz anzutreten, drohen ihnen empfindliche Strafen. Das spanische Sportgesetz sieht im Fall eines Nichtantretens trotz Nominierung Geldstrafen zwischen 3000 und 30.000 Euro sowie Sperren zwischen 2 und 15 Jahren vor.Sollten in diesem Fall tatsächlich lange Sperren verhängt werden, würde das für manche im Kader wohl das Ende ihrer Nationalkarriere bedeuten. Und das, obwohl die Fußballerinnen bei der WM in Neuseeland und Australien überraschend den WM-Titel geholt hatten.